In der aktuellen Ausgabe des ‚StadtZeit Kassel Magazin‘ (Nr. 105) findet sich der skurrile Versuch des Kasseler Kunsthistorikers und documenta-Biographen Harald Kimpel, die Aufarbeitung der NS-Geschichte zu einer Verschwörung umzudeuten. Anlass seines Artikels ist die jüngst wieder aufgenommene Debatte um die Verstrickungen der Gründungsriege der documenta in den Nationalsozialismus – im Deutschen Historischen Museum in Berlin kann noch bis Januar 2022 eine Ausstellung zu genau diesem Thema besucht werden. Insbesondere die Personalie Werner Haftmann, die rechte Hand von documenta-Gründer Arnold Bode, sorgt für einigen Gesprächsstoff, da dieser als SA-Mann und später als Partisanenjäger Linientreue bei der nationalsozialistischen Sache bewiesen hatte.

Das, was Kimpel nun als Meinungsstück im fachfremden „Magazin für die innovativen Seiten der Fuldastadt“ publizierte, hat in der Tat mit Wissen oder verwandten Erkenntnistätigkeiten nichts gemein. Im Gegenteil: Der Autor deliriert Schreckgespenster einer durchtriebenen, mit schmutzigen Tricks und windigen Mitteln arbeitenden Gewalt herbei, die sich gegen die Kasseler Weltkunstausstellung verschworen hätte. Von der „Kampagne“ einer „kunstkritischen Querdenkergemeinde“, von „Robespierres der neuesten documenta-Geschichtsschreibung“ ist die Rede; das Verdikt: Die „Nazifizierung der documenta“. Gemeint sind Stimmen wie die der Autor*innen Julia Friedrich oder Wolfgang Brauneis, die wie im verlinkten Vortrag auch die unglamourösen Seiten thematisieren: Das Fortwesen des Faschismus in den Institutionen des Nachkriegsdeutschland. Wer es bis zum Ende des Artikels durchhält, bekommt die Motivation des Autors schamlos als das Fazit von dessen wirren Ausführungen präsentiert: „Der eigentliche Skandal ist die Skandalisierung der documenta.“ Mit anderen Worten: Das Reden über die Verbrechen der Deutschen ist schlimmer als die Verbrechen selbst.

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