Mittwoch 11.08.

18:00 – Boreal
Eröffnung des NDRS2021 mit Vortrag der 4 Std. Liga

Radikale Arbeitszeitverkürzung: Eine antifaschistische Forderung?!

Das Leben sowie der Alltag der großen Mehrheit der Menschen ist davon bestimmt, dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Werktag für Werktag, Jahr für Jahr, werden sie gefordert und müssen die vielzähligen Zumutungen der Lohnarbeit ertragen. Dabei sind sie einem undemokratischen, ihre konkreten Bedürfnisse ignorierenden kapitalistischen Normalvollzug unterworfen. Bestimmten Theorielinien folgend, stehen diese Zumutungen der kapitalistischen Lohnarbeit in ihrer Form als Autoritäts- und Herrschaftsverhältnis in einem spezifischen Verhältnis zur Entstehung autoritären Denkens und rechter autoritärer Bewegungen. Dieses Verhältnis wird im Vortrag facettenhaft ausgeleuchtet. In den hier eröffneten Problemhorizont wird der nationalsozialistische Arbeitsethos gestellt, der sich um den Topos der „deutschen Arbeit“ herausgebildet hat, und der Arbeit wesentlich als Selbstzweck, als sittlich-moralisches Gebot und vor allem als Aufopferung für die Volksgemeinschaft begreift. In den Blick zu nehmen ist hier gleichfalls, wie dieser Arbeitsbegriff mit seiner eigenen Bestimmung sein komplementäres Anderes in den Figuren der Nicht-Arbeit und der Anti-Arbeit, des „Asozialen“, des „Arbeitsscheuen“ und des „Juden“ mitsamt den Praktiken der Abgrenzung, Ausgrenzung und Vernichtung konstituiert. Vor dem damit beschriebenen Problemhorizont, so die zu erläuternde Kernthese des Vortrags, ist die Forderungen nach radikaler Arbeitszeitverkürzung sowohl in ihren Vorannahmen als auch in ihren Konsequenzen eine genuin antifaschistische Forderung.



19:30 – Boreal
Max Czollek Vortrag – “Halle, Thüringen, Hanau,  Corona:  Antworten für die  politische Gegenwart.”


»Czollek hat wirklich einen Nerv getroffen!«
-New York Times

Nach Max Czolleks Bestseller „Desintegriert euch!“ liefert er nun ein Manifest für die plurale Gesellschaft, das Antworten auf die politische Gegenwart gibt.

In Zeiten der Krise leiden Gesellschaft und Vielfalt. Für Max Czollek bieten staatstragende Konzepte wie »Leitkultur« oder »Integration«  darauf keinerlei Antwort. Seit 2018 wird viel diskutiert über Max Czolleks Streitschrift »Desintegriert euch!«. Beschrieb sie den Status quo des deutschen Selbstverständnisses, entwirft Czollek nun das Modell für eine veränderte Gegenwart: Wie muss sich die Gesellschaft wandeln, damit Menschen gleichermaßen Solidarität erfahren? Welche liebgewonnenen Überzeugungen müssen wir alle dafür aufgeben? Wie kann in einer fragmentierten Welt die gemeinsame Verteidigung der pluralen Demokratie gelingen? Max Czollek trifft ins Herz des Jahres 2020 – diese Polemik ist sein Schrittmacher.


Donnerstag 12.08.

10.00-13.00 – Jüdische Gemeinde, Bremerstr. 3
Führung in der Jüdischen Gemeinde Kassel


Das Judentum ist sehr vielfältig! Und wie wird es heutzutage in Deutschland bzw. Kassel gelebt? Wie sieht der Alltag der Juden aus? Tragen alle Juden eine Kippa? Was ist mit dem Begriff »koscheres Essen« gemeint? Was steht in der Thora? Was heißt »Mazl tov«? Wie wird Schabbat gefeiert und wann wird die Menora angezündet? Gemeinsam schauen wir uns jüdische Kultus- und Kulturgegenstände an, essen Matzen und besprechen viele spannenden Fragen.

Durch die Führung erhalten Besucher*innen einen Einblick in das Leben der Jüdischen Gemeinde in Kassel.

Referent: Alexander Katz
Dauer: ca. 90 Minuten


10:00-13:00 – Karnak
Workshop: Antisemitismus nach 1945

Antisemitismus ist ein zentrales Element rechtsextremen Denkens und ragt gleichzeitig in die Mitte der Gesellschaft hinein. Der Workshop zeigt Kontinuität und Wandel antisemitischer Vorstellungen nach 1945. Dabei geht es auch um die Frage, wie sich antisemitisches Denken an die jeweils gegebenen politischen und gesellschaftlichen Umstände anpasst. Der Workshop bietet Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen, Akteur*innen und Plattformen antisemitischer Vorstellungen von den 1950-er Jahren bis heute. Die Teilnehmer*innen werden zur Reflexion der Auswirkungen auf direkt Betroffene und die demokratische Gesellschaft als Ganzer angeregt. Im Anschluss werden geeignete Reaktionen auf Antisemitismus im Alltag diskutiert.

Referent*innen: Fritz-Bauer-Institut


14.00-17.00 – Karnak
Workshop: Verschwörungsideologie und Corona

Wir wollen zunächst grundlegende Begriffe verstehen und unterscheiden lernen: Wieso lieber »Verschwörungsideologie« als »Verschwörungstheorie«? Wie unterscheiden sich ein Verschwörungsmythos und eine Verschwörungserzählung? Wir beschäftigen uns mit den psychologischen Grundlagen und Faktoren für Verschwörungsdenken und wollen betrachten, wieso dieses gefährlich ist. Außerdem gehen wir der Frage nach: Warum gerade jetzt? Und: Ist das wirklich neu?

Im Anschluss wollen wir uns zunächst theoretisch mit hilfreichen Gesprächstechniken auseinandersetzen, um diese anschließend im geschützten Rahmen der Gruppe auszuprobieren.

Referent*innen: Distanz e.V. (Anna Wegricht)


14.00-17.00 – Schlachthof (Kaminzimmer)
Workshop: Kontinuitäten, Entwicklungen und Funktionsweisen rechten Terrors in Hessen


Nach der Selbstenttarnung des NSU 2011 wurde deutlich, dass es in Deutschland kein Verständnis von rechtem Terror gibt. Sowohl in der breiten Gesellschaft, als auch innerhalb von Sicherheitsbehörden gab es keine adäquate Einordnung rechtsterroristischer Taten. Da in der Regel Bekenner*innenschreiben gefehlt haben, wurden einige Verbrechen nicht der extremen Rechte zugeordnet und nicht als rechter Terror gewertet. Betroffene hingegen haben Anschläge, Morde und Übergriffe der extremen Rechten sehr häufig als rechten Terror beschrieben, sich vernetzt und die Debatte um strukturellen sowie Alltags-Rassismus und Antisemitismus in den Mittelpunkt gestellt. Mittlerweile lässt sich das im öffentlichen Diskurs auch nicht mehr leugnen.

Ausgehend von der Betrachtung wollen wir mit euch diskutieren, welche Konsequenzen wir als aktive und kritische Menschen daraus ziehen wollen, wie wir, auch im Sinne von Betroffenen, dem entgegentreten können.

Referent*innen: Sonja Brasch (NSU-Watch) & Kirsten Neumann (MBT Hessen)


16.30-18.00 – Gedenkstätte Breitenau
Zeitzeugengespräch mit Zvi Cohen – Gespräch via Zoom


In Kooperation mit der Gedenkstätte Breitenau findet ein Gespräch mit dem Zeitzeugen und Holocaustüberlenden Zvi Cohen via Zoom statt. 

Zvi Cohen kam 1931 als Horst Cohn in Berlin auf die Welt. Eingeschult wurde er 1937 in der jüdischen Schule Choriner Straße. Im Mai 1943 wurde Zvi Cohen mit seinen Eltern in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Bei der dort aufgeführten Kinderoper Brundibár des tschechischen Komponisten Hans Krása wirkte er einige Male auf seiner Mundharmonika mit. Im Februar 1945 zählten Zvi und seine Eltern zu den 1200 Juden, die freigekauft wurden und mit einem Zug von Theresienstadt in die Schweiz kamen. Wenige Zeit später gelang es der Familie Cohn, in das damalige Palästina auszuwandern. Sie ließen sich im Kibbutz Ma‘abarot nieder, wo Zvi Cohen bis heute lebt. In seiner Autobiografie “Der Junge mit der Mundharmonika” erzählt er seine Geschichte.

Wir stellen den Besucher*innen, die sich für das Gespräch anmelden, das erste Kapitel des Buches „Der Junge mit der Mundharmonika“ zur Verfügung. Die Lektüre ist zur Vorbereitung auf das Gespräch dringend empfohlen.


15:00-16:30 – Schlachthof (Saal)
Podiumsdiskussion: Was bringt die Aufklärung voran? Landtagsabgeordnete aus dem Untersuchungs­ausschuss UNA 20/1 (Dr. Walter Lübcke) im Gespräch mit der Zivilgesellschaft – Initiative Nachgefragt


Was wird aus der Petition für eine Offenlegung der Akten zum Behördenversagen in Hessen? Welche neuen Erkenntnisse können bei einer Offenlegung gewonnen werden? Was bringt die Zeugenverneh­mungen von Nazis wie Stefan Ernst und Verfas­sungsschützer*innen mit beschränkter Aussagegeneh­migung wie im Falle von Andreas Temme?

In der Gesprächsrunde soll über die bisherigen Sit­zungen des Untersuchungsausschusses und wei­tere Planungen berichtet werden. Bürger*innen können Fragen und Anregungen zur Aus­schussarbeit formulieren.

Podium: Hermann Schaus, Stephan Müller, Eva Gold­bach (Abgeordnete im Untersuchungsausschuss), Miki Lazar (Petition Offenlegung der Akten)
Moderation: Armin Ruda (Offener Kanal Kassel)


19.00-21.00 – Philipp-Scheidemann-Haus R.107
Vortrag: Warum ist feministisches Streiten so schwierig?


Die Zeiten werden dunkler. Global breiten sich faschistische und fundamentalistische Bewegungen aus, die nicht zuletzt von ihrer Frauenfeindlichkeit zusammengehalten werden. Dennoch ist es nicht leichter geworden, produktiv über feministische Analysen und Aktionsformen zu streiten und Formen der solidarischen Zusammenarbeit zu finden. Warum ist Streit unter Feministinnen ein so schwieriges Thema, und wie können wir ihn dennoch bewerkstelligen?

Referent*in: Koschka Linkerhand


18:00 bis 19:30 Uhr – Schlachthof (Saal)
Vortrag: Jung, trendy, sympathisch – Rechte Influencerinnen im Netz


Welche Bedeutung haben Frauen in der rechten Szene und was macht sie für Frauen attraktiv? Wie arbeiten die rechten Influencerinnen? Welche Konsequenzen hat das für unser eigenes politi­sches Tun? Das Kontinuum rechtsradikaler Einstel­lungen bis hin zur Mitte der Gesellschaft soll be­leuchtet werden.

Referent*in: Natascha Strobl


Freitag 13.08.

10.00-13.00 – Schlachthof
Stadtrundgang auf den Spuren von Verfolgung und Widerstand in der NS-Zeit


Es ist eine Binsenweisheit, dass der deutsche Faschismus mit all seinen Verbrechen nicht nur in Berlin und an den Orten der Konzentrations- und Vernichtungslager Realität war. Wir wollen uns auf dem Rundgang durch die Innenstadt von Kassel an verschiedenen Stationen mit Erinnerungszeichen (Gedenktafeln, Stolpersteinen, Mahnmalen) beschäftigen, die Hinweise zur NS-Geschichte in Kassel geben. Es gibt aber auch viele Orte, deren historische Bedeutung sich nur erschließt, wenn man die Ereignisse, die sich dort zugetragen haben, kennt, denn „man sieht nur, was man weiß“ (Goethe). Mit diesem zweistündigen Rundgang wollen wir die Plätze und Objekte in der Stadt, die uns alltäglich umgeben, mit anderen Augen sehen.

Die Führung beginnt am Schlachthof.

Referent*in: Ulrich Schneider


10.00-13.00 – Karnak
Workshop: Cancel Culture als Kampfbegriff der Rechten

Der Begriff »Cancel Culture« begegnet uns in der deutschen Medienlandschaft mittlerweile immer häufiger und ist zum Kampfbegriff geworden, der das gesellschaftliche Kommunikationsklima beeinflusst. Doch was steckt eigentlich dahinter? In unserem Workshop möchten wir dem Phänomen Cancel Culture auf die Spur kommen, indem wir zunächst die Ursprünge als Instrument von Online-Aktivist:innen ergründen und die Entwicklung nachzeichnen wollen, wie der Begriff von rechts vereinnahmt wurde. Dabei sollen angeblich systematisch Meinungen, die nicht der ‚political correctness‘ entsprechen, verbannt und unterdrückt werden. Insbesondere Fälle wie der von Lisa Eckhart oder Dieter Nuhr zeigen jedoch, dass sich die immer wieder aufkeimenden Debatten nicht nur um die Grenzen des Sagbaren drehen, sondern ganz klar Bezüge zu antifeministischem, antisemitischem und rassistischem Gedankengut herstellen. Wir möchten gemeinsam mit den Workshopteilnehmenden verschiedene Beispiele betrachten und dabei folgende Fragen aufwerfen: Welche Gruppen beanspruchen oder verteidigen ihr (alleiniges) Recht zu sprechen und sichern sich so die Deutungshoheit? Wo werden rechte Ideologien in diesem Aushandlungsprozess sichtbar? Und wie funktionieren diese Argumentationsstrategien von rechts?

Referent*innen: Anna Müller und Johannes Stolz


14.00-17.00 – Schlachthof (Kaminzimmer)
Workshop: Grau-braunes Raunen in subkulturellen Räumen


Der Titel könnte genauso gut lauten: „Wie ertrage ich es, Fan zu sein?“ Während der letzten Jahre rückten Social Media immer stärker in das Zentrum popkultureller Vermarktungsprozesse. Andersherum wurde Künstler:innen eine Stimme gegeben, um sich – häufiger und in größerer Breite als zuvor – zu Themen zu äußern, die eigentlich wenig oder nur mittelbar mit ihrer sonstigen Tätigkeit zu tun haben. Im Zuge der Präsidentschaft Donald Trumps, spätestens aber seit dem Ausbruch der Covid 19-Pandemie, häufen sich hierbei sichtbare Aktionsformen, die Fans vor Fragen stellen wie: Ist mein Idol nur etwas verwirrt? Sollte mein*e Lieblingsmusiker*in sich Hilfe suchen? Ist die Gitarrist*in, die mich selbst zum Spielen inspirierte, ein’e rechtsextreme Verschwörungsgläubige*r? In diesem Workshop wollen wir sowohl an individuellen Erfahrungen als auch konkreten Beispielen die Frage reflektieren, inwiefern Musiker*innen und Fans als Teile der Kulturindustrie politische Verantwortung zugesprochen werden kann und inwiefern sie in der Lage sein können, diese auch anzunehmen.

Referent*in: Tristan Riebesehl


14.00-17.00 – Karnak
Workshop: Kommunikationsstrategien der AfD


Einleitend wird kurz auf die Gründung der AfD und auf Entwicklungen innerhalb derselben eingegangen. Näher beschäftigen wir uns mit den Medienstrategien der Partei. Anhand konkreter Beispiele fragen wir uns dann, auf welche spezifischen Erzählfiguren die AfD in ihrer Kommunikation zurückgreift. Abschließend sprechen wir über mögliche Gegenstrategien.

Referent*in: Yasmin El Sayed


14.00-16.00 – Guxhagen, Brückenstr. 12
Führung in der Gedenkstätte Breitenau


In der Führung durch den historischen Ort Breitenau wird versucht, dessen wechselvolle Geschichte zugänglich zu machen. Vom preußischen Arbeitshaus über das frühe Konzentrationslager und das Arbeitserziehungslager bis zum Fürsorgeheim für sogenannte schwer erziehbare Mädchen sollen Kontinuitäten und Brüche sichtbar gemacht werden. Im Zentrum steht jedoch die Geschichte Breitenaus von 1933-1945 in ihren vielen Bezügen zur Stadt Kassel. Insbesondere der Verbrechenskomplex der nationalsozialistischen Zwangsarbeit, dessen Spuren in Kassel noch immer sichtbar sind, verbindet beide Orte.

Die Führung dauert ca. 75-90min und kann ab 14 Jahren besucht werden.


19.00-21.00 – Philipp-Scheidemann-Haus R.107
Vortrag: Rechtsrock. Entstehung – Genres – Narrative


Seit dem Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) im Jahr 2011, der explosionsartig ansteigenden Gewalt gegen Geflüchtete seit 2014 und den Wahlerfolgen der Alternative für Deutschland (AfD) steht die extreme Rechte wieder einmal im Fokus des öffentliches Diskurses.Die extrem rechte Jugend- und Subkultur, aus der sich ein Großteil des Personals der extremen Rechten rekrutiert, hat sich schon lange aus ihrem früheren Nischendasein heraus entwickelt und in den letzten 30 Jahren an alle Sparten des Alltagslebens Anschluss gefunden. Dreh- und Angelpunkt der rechtsextremen Szene ist die Musik. Das gilt auch für Parteien der extremen Rechten wie die NPD, die zu ihren politischen Veranstaltungen gerne Protagonist*innen aus der Rechtsrock-Szene einlädt.

Unter der Einbeziehung von zahlreichen Beispiel-Songs erzählt der Vortrag die Entstehung des subkulturellen Rechtsextremismus von den Anfängen in den 1980ern bis heute, beschreibt unterschiedliche (Sub-)Genres und Szenen und analysiert die Narrative rechter Songs. Im Fokus stehen dabei sowohl die stilprägenden »Klassiker« des Rechtsrock als auch solche Beispiele, die ihre rassistische, antisemitische und gewaltverherrlichende Ideologie nicht offen aussprechen und sich daher deutlich besser eignen, einerseits bestehende Gesetze zu unterlaufen und andererseits an weit über die extreme Rechte hinaus verbreitete Einstellungen anzuknüpfen.

Referent*in: Bijan Razavi


19.00-21.00 – Schlachthof (Saal)
Gruppendiskussion: Ein feministisches Wir in Kassel


Im Rahmen einer Gruppendiskussion wollen wir über feministische Kämpfe, Positionierungen und Sichtbarkeit in Kassel ins Gespräch kommen. Trotz unterschiedlicher Positionen teilen die meisten feministischen Gruppen Grundziele: Emanzipation, Gleichberechtigung und Solidarität. Aktuell tendieren feministische Diskurse jedoch mancherorts dazu, in Zersplitterungsdebatten zu zerspringen und gemeinsame Kämpfe treten in den Hintergrund. Wir glauben, dass politische Kontroverse notwendig ist, um strukturelle Machtverhältnisse zu begreifen, Diskriminierung sichtbar zu machen und für die Abschaffung des Patriarchats aus allen feministischen Perspektiven zu kämpfen. Deswegen wollen wir dazu einladen, gemeinsam zu diskutieren und aus einem solidarischen Miteinander Kraft für die gemeinsamen Kämpfe ziehen. In der Podiumsdiskussion möchten wir unterschiedliche Positionen sichtbar machen und so zu einer Debatte beitragen, die verschiedene feministische Standpunkte aufzeigt und aushält, ohne Gräben zu erschaffen oder weiter zu vertiefen. Ein solcher Schritt scheint uns relevant auf dem Weg zu einem »feministischen Wir« zu sein. Es geht uns dabei ganz konkret um feministische Kämpfe und den Diskurs in Kassel. Diskriminierungen haben dabei auf dem Podium keinen Platz.


Samstag 14.08.

10.00-13.00 – Schlachthof (Kaminzimmer)
Workshop: Rassismus und Ausbeutung in der Tierindustrie


Die Tierindustrie ist in internationale, ausbeuterische Hierarchien verstrickt: sie profitiert von Landgrabbing und Umweltzerstörung, worunter Indigene und andere ländliche Bevölkerungen in anderen Teilen der Welt leiden. Doch auch hierzulande beutet sie Arbeiter*innen aus, die überwiegend aus Osteuropa unter falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt werden. Die zerstörerische Tierindustrie muss also nicht nur zum Zwecke der Tierbefreiung und des Umwelt- und Klimaschutzes abgeschafft werden, sondern ist Teil des ausbeuterischen, neokolonialistischen und rassistischen Kapitalismus. Daher wollen wir mit euch darüber diskutieren, wie ein Systemwandel der Landwirtschaft intersektional gedacht und erreicht werden kann.
Dabei wollen wir über »die Tierindustrie« nicht bloß als abstrakte Begrifflichkeit sprechen, sondern die Problematiken an einem konkreten Beispiel aufzeigen: an Plukon, dem zweitgrößten Hühnerfleischkonzern der EU, der in Gudensberg, knapp 20 km von Kassel, Hessens größten Geflügelschlachthof betreibt.

Referent*innen:
Gemeinsam gegen die Tierindustrie-Nordhessen


10:00-13:00 – Karnak
Workshop: „Liebe Teilnehmende, liebe Gefährder*innen!“ – Extremismus und politische Bildung

Politische Bildung hat einen enormen Bedeutungszuwachs erfahren. Von politischen Entscheidungsträger*innen und staatlichen Institutionen oft als »Feuerwehr« verstanden, soll Politische Bildung erheblich dazu beitragen, dass Geschehnisse wie die Verbrechen des NSU-Komplex, Pegida, Chemnitz 2018, der Mord an Walter Lübcke 2019, der antisemitische Anschlag in Halle 2019, der Anschlag in Hanau 2020 (um nur einige wenige aufzuführen) nicht mehr passieren. Zahlreiche staatliche Förderprogramme zielen auf zivilgesellschaftliche Akteur*innen ab, die in der politischen Bildungsarbeit tätig sind. Die politische Anrufungen in diesen Programmen lautet häufig: Politische Bildung als Extremismusprävention gegen Rechtsextremismus, Linksextremismus oder Ausländerextremismus. Warum der Extremismusbegriff in der Politischen Bildung als Analyseinstrument für gesellschaftliche Verhältnisse nicht taugt, Gesellschaftskritik und emanzipatorisches Handeln erschwert, wird eingangs im Workshop thesenhaft beleuchtet. Im Zentrum des Workshops stehen weiterhin folgende Fragen:

Welche Auswirkungen hat diese politische Anrufung Extremismusprävention auf die konkrete Praxis, die Rolle als politische Bildner*in und das Selbstverständnis der Politischen Bildung? Wie können individuelle und kollektive Handlungsoptionen im Umgang mit dem Extremismusbegriff aussehen?

Referent*in: Maria Grüning


10.00-13.00 – Gutenbergstraße (Dynamo Windrad)
Workshop: Freihandel als Fluchtursache in West- und Zentralafrika


In Bezug auf den afrikanischen Kontinent feiert sich die EU regelmäßig für ihre Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit und vermeintliche Unterstützung afrikanischer Staaten. Gleichzeitig  überschwemmen von der EU- subventionierte landwirtschaftliche Produkte afrikanische Märkte, zerstören die lokale Landwirtschaft und fördern so Abhängigkeiten von Nahrungsmittelimporten. Eine Bedrohung für die Lebensgrundlage zahlreicher Kleinbäuer*innen im globalen Süden, die ohnehin bereits mit den Folgen der Klimakrise zu kämpfen haben.
Wie funktioniert die neoliberale aktuelle EU-Handelspolitik in Bezug auf West- und Zentralafrika und was hat das mit Rassismus und Neokolonialismus zu tun? Welche Rolle spielen dabei die Afrikanischen Staaten? Wie sieht der Widerstand von betroffenen Bevölkerungsgruppen aus?

Dazu planen wir kurze inhaltliche Inputs, Austausch und Diskussion in einem interaktiven Workshop. Vorkenntnisse sind nicht nötig.

Referent*innen: Fiona & Moritz vom transnationalen Netzwerk Afrique-Europe-Interact


14.00-17.00 – Karnak
Workshop: Roma in Europa – eine Geschichte von Verfolgung und rassistischer Diskriminierung, die auch die Gegenwart fortschreibt


Die Vorstellung, in Deutschland geboren zu sein, aufzuwachsen und sich Perspektiven für eine gelingende Zukunft zu schaffen, kennen viele Ansässige. Dass die Polizei eines Nachts in der eigenen Wohnung auftaucht und mit den Worten „jetzt geht es nach Hause“ – teilweise gewaltsam – abschiebt, ist in den Köpfen der Mehrheitsgesellschaft keine realistische Vorstellung. Es beschreibt jedoch eine Realität, die eine Vielzahl von Rom*nja durchleben muss. Dieser Workshop wird auch abseits von langjährigen Aufenthaltszeiten in Deutschland Geschichten erzählen, die eindrücklich beschreiben, vor welche menschenrechtsverachtenden und perspektivlosen Tatsachen Rom*nja durch eine aggressive Abschiebepolitik und -justiz gestellt werden. Dabei werden Interview- und Bildmaterialien aus mehreren Recherchereisen zur Situation der Rom*nja in Serbien nach ihrer Abschiebung vorgestellt und Hintergründe zu asyl- und aufenthaltsrechtlichen Fragen beleuchtet.

Referent*in: Clemens


14.00-17.00 – Schlachthof (Kaminzimmer)
Workshop: Antifeministische Strukturen in Kassel aufdecken und bekämpfen


In unserem Workshop möchten wir uns mit verschiedenen antifeministischen Gruppen und Strukturen in Kassel (und darüber hinaus) befassen. Wir wollen gemeinsam erarbeiten, was wir überhaupt unter Antifeminismus verstehen und in welchen unterschiedlichen Formen er auftreten kann. Anschließend wenden wir uns konkreten Gruppierungen und Einzelpersonen zu, die in Kassel antifeministisch auftreten. Wie genau zeigt sich ihr Antifeminismus? Davon ausgehend wollen wir gemeinsam Strategien entwickeln, wie sich eine feministische Bewegung gegen eben solche Strukturen stellen kann. Wie können wir sowohl in unserem Alltag als auch in unserem Aktivismus mit Antifeminismus umgehen und ihn bekämpfen? Diese und ähnliche Fragen möchten wir gemeinsam mit euch klären!

Referent*innen: Fu*k


14.00-18.00 – Gutenbergstraße (Dynamo Windrad)
Workshop: Einführung: Journalistische Recherche

Mit der Pressestelle machen wir schon seit ein paar Jahren kritischen Lokaljournalismus. Wir dokumentieren Demonstrationen und Aktionen in Kassel und Umgebung oder setzen mit Hintergrundartikeln eigene inhaltliche Schwerpunkte. Dazu wollen wir auch möglichst viele andere Menschen ermutigen und befähigen. Denn wir sind der Meinung: Journalismus kann jede*r lernen!

Darum veranstalten wir am 14. August unseren nächsten Schreibworkshop. Dieses Mal wollen wir uns weniger damit befassen, wie man einen journalistischen Text schreibt, sondern wie man an all die Informationen kommt, auf denen der Text basiert – also die Recherche. Gerade in der Berichterstattung über rechte und rassistische Gewalt wird Rassismus oft ein weiteres Mal wiederholt und Gewalttaten verharmlost. Das liegt auch am unkritischen Umgang mit Quellen. Wir werden uns deshalb damit beschäftigen, was gute Quellen sind, wie man diese findet und warum Polizeimeldungen immer mit Vorsicht zu behandeln sind.

Bring zu dem Workshop etwas zum Schreiben mit, bestenfalls einen Laptop.

Wer nach dem Workshop Lust bekommen hat, das neu gewonnene Wissen in die Tat umzusetzen, kann sich anschließend als Autor*in bei der Pressestelle versuchen.

Unsere bisherige Arbeit findest du auf https://www.die-dezentrale.net/pressestelle/

Referent*innen: Pressestelle Redaktionskollektiv



19:30-21:00 – Schlachthof (Saal)
Diskussion: Querdenken als Gegenstand linker Gesellschaftskritik


In der Podiumsdiskussion sollen die Querdenken-Proteste hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung eingeordnet werden. Als Form regressiven Protests, bei dem die deutsche Mittelschicht und auch vermeintlich links-alternative Bewegungen sich mit dem rechten Rand zusammenfinden, ist sie Ausdruck einer Krise, die lange vor COVID-19 ihren Anfang nahm: Der Niedergang des Sozialstaats, fortschreitende Privatisierung zentraler staatlicher Aufgaben wie die Gesundheitsversorgung, Digitalisierung und Neoliberalisierung der letzten privaten Rückzugsräume haben zur Erosion der Gesellschaft geführt, die nur noch von einem autoritären Staat mit (Polizei-)Gewalt zusammengehalten werden kann. Die Reaktion auf solche Entwicklungen ist, wie sich an der Querdenken-Bewegung zeigt, nicht selten die Flucht in digitale Filterblasen, Esoterik und  “alternative” Weltanschauungen, die sich unter großen Begriffen wie ‘Frieden’, ‘Freiheit’ und ‘Vernunft’ versammeln, dabei aber für alle Formen von Verschwörungserzählungen und damit weit nach rechts offen sind. Nach fundierter Kritik und konkreten Vorschlägen für ein solidarisches Handeln angesichts der Pandemie und der von Politik und Wirtschaft seit Jahrzehnten betriebenen Entsolidarisierung der Gesellschaft sucht man hier vergebens

Diese Zusammenhänge sollen auch anhand der Ereignisse des letzten Jahres in Kassel in der Diskussion ergründet werden, um der Frage zu nachzugehen, wie eine kritische, linke Perspektive auf die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Zeit aussehen kann.

Podium: Christopher Vogel (MBT), Ann-Kathrin Mogge (Kopiloten), Jérôme Seeburger, Caro Keller (NSU Watch)