Die Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 haben viele politische Aktionsformen verunmöglicht. Partizipation und Intervention erfolgen derzeit in der Regel via Webcam und Tastatur. Nichtsdestoweniger lohnt sich, den Gepflogenheiten anlässlich des bevorstehenden Jahreswechsels entsprechend, eine Bestandsaufnahme.

Die Reduktion des Politischen auf digitalen Content in der Corona-Krise spitzt lediglich eine Tendenz zu, die sich schon lange abzeichnet: Der desolate Zustand vieler linker Organisationen, Bewegungen, Vereine und Bündnisse in Deutschland lässt sich nicht zuletzt aus den Streitereien ablesen, die untereinander im Internet geführt werden. Sowohl formal als auch inhaltlich kann in der Regel weder von Kritik im Sinne einer differenzierenden Analyse und Beurteilung noch von Diskussion im Sinne einer produktiven Auseinandersetzung (ob nun mit Konsens oder Dissens als Ausgang) die Rede sein. Die Zerstreuung durch wahllosen Konsum zusammenhangloser Inhalte, die aus dem Browserverlauf abzulesen ist, sowie die Externalisierung der Affekte in die digitalen Echokammern, aus denen sie als fremde verzerrt zurückschallen, haben die bürgerliche Subjektivität und die mit ihr assoziierten Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit, Solidarität längst unterminiert. Sie als liberal hochzuhalten oder auch als solche zu belächeln, scheint so nostalgisch wie das Flanieren durch aussterbende Innenstädte und über den leeren Campus, vorbei an insolventen Kaufhäusern und geschlossenen Cafes. Allein vor dem Bildschirm mit Gefühlen, die von undurchschaubaren Algorithmen gefüttert werden, geht es in den Klassenkampf, den Feldzug der Aufklärung, den dialektischen Höhenflug, die nihilistische Offensive, die Dekonstruktion von Hierarchien – und die Regression.

Das Negativ zum Plenum, das stets zu lang dauert, egal wie kurz es angesetzt wird, und in dem dann doch jede Befindlichkeit detailliert besprochen wird, obwohl ursprünglich nur ‘eine Sache’ zu klären war, ist die Kommunikation in den sozialen Medien. Die Beiträge sind hier ebenso affektbetont, dafür aber nicht bis zur Ermüdung ausufernd verständnisvoll, sondern ohne jedes Bemühen um Empathie und Rücksicht beleidigend. Die Ursachen und psychischen Mechanismen hinter dem Verhalten sich als politisch links verstehender User*innen von Plattformen wie Twitter, Instagram und Facebook mögen divers sein. Umso einförmiger ist der Stil ihrer Posts und Kommentare untereinander, in denen allzu oft Polemik, wichtiger Bestandteil politischer Diskussion, zum Selbstzweck verkommt. Jenseits sprachlicher Genauigkeit, Orthographie und grammatischer Regeln, deren Einhaltung dafür spricht, dass der*die Verfasser*in sich angemessen Zeit nimmt oder sogar eine andere Person ihren Text gegenlesen lässt, werden Posts veröffentlicht, die sich auf Beleidigungen und Provokationen reduzieren und eines jeden Gesprächsangebot entbehren. Dabei stehen offenkundig die Erniedrigung der Gegner*in und die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu sein, in einem reziproken Verhältnis. Diese Standpunktpolitik – ich richtig, sie falsch – ist der letzte Rest Inhalt, der noch nicht der Form der bloßen Anschuldigung und Beleidigung zum Opfer gefallen ist; denn wer glaubt, richtig zu liegen, betont gern seine moralische Überlegenheit und hält das selbst schon für ein Argument. So wird bei allen Beleidigungen der Gegner*in sichergestellt, dass sie legitim sind. Es ist keine bloße Stilblüte sondern wesentliches Merkmal, dass Fragen in solchen Posts nur rhetorisch gestellt werden, insofern tatsächlich kein Interesse an einer Antwort besteht – ebenso dass der zynische Kommentar, mit dem bisweilen auf blinde Flecken hingewiesen werden kann, um eine Diskussion anzustoßen, so verfasst ist, dass er diese Diskussion von vornherein abschneidet.

Außer Frage steht, das wird jeder Besuch auf Twitter, Instagram und Facebook bestätigen, dass produktive Auseinandersetzungen via Kommentarfeld äußerst schwierig sind, insofern hier die Form den Inhalt bestimmt: Die limitierte Zeichenzahl, die Menge und Frequenz der Beiträge, die durchschnittliche Verweildauer, die permanente Verfügbarkeit, die relative Anonymität, die Unklarheiten schriftlicher Kommunikation etc. erschweren die Diskussion im Ansatz, sodass es nahe liegt, eben bloß zu kommentieren, statt zu diskutieren. Konservativ auf einer bestimmten Streitkultur oder gar einem ethischen Wertekanon zu beharren, wäre reaktionär. Ebensowenig kann eine Absage an jede Diskussionskultur und jede Sittlichkeit im Sinne gewisser Verbindlichkeiten und Regeln des Austauschs und Miteinanders bejahenswert sein. Denn das Kerngeschäft linker Theorie, die Kritik, zu der das Abwägen, Unterscheiden und wohlüberlegte Beurteilen notwendig gehören, wird auf diesem Wege mitsamt der aus ihr potentiell resultierenden inhaltlichen Auseinandersetzung verabschiedet.

Angesichts dieser formalen Regressionen nimmt es nicht Wunder, dass das, was sich noch als innerlinke Diskussion ausgeben will, inhaltlich nicht mehr zu bieten hat als die Verhandlung von Universalismen oder Personalien: ‘Welches Thema ist unabhängig von jeder Perspektive das wichtigste’ vs. ‘Wer hat welche Position inne und wer ist mit wem assoziiert’. Die einseitige Reduktion auf die bloße Sache, also den Gegenstand der Diskussion, ist unhaltbar – u.a. haben critical whiteness und Teile der feministischen Theoriebildung gegenüber universalistischen Vorstellungen klar gemacht, dass es auch immer eine Rolle spielt, aus welcher Position heraus gesprochen und gehandelt wird. Einfach den Traum für bare Münze zu nehmen, dass alle Menschen (vor Gott, von Natur aus, dem Gesetz nach) gleich seien, ist bloße Ideologie angesichts einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der bestimmte Menschen täglich Anfeindungen erdulden und um ihr Leben fürchten müssen und andere eben nicht. So ist es nur richtig, diesen Universalismus, der stets ein konkretes Bild des Menschen (i.d.R. das des weißen, christlichen Mannes) verabsolutiert, einer Kritik zu unterziehen, die auf die bestehende Differenzen und Widersprüche hinweist, die durch ihn verschleiert werden. Ein legitimer Ansatz ist, darauf zu beharren, dass die Bedeutung von Aussagen und Handlungen nicht bloß von ihrem sachlichen Gehalt her zu verstehen ist, sondern auch dadurch bestimmt wird, wer sie tätigt. Aber es muss betont werden, dass nun zu glauben, dass das Gegenteil gelten kann, es also in Diskussionen gar nicht mehr um die Sache geht, sondern nur um die Frage, wer über sie spricht, ebenso einseitig wäre.

Es ist sicherlich richtig, wenn auch zunächst eine Binsenweisheit, dass die Dinge stets aus einer bestimmten Perspektive betrachtet werden. Gleiches gilt für den Gedanken, dass Gefühle eine eher private Sache sind. Und so ist auch die Idee der Betroffenenperspektive eine Selbstverständlichkeit, die nur allzu oft vergessen wird – daher ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass es in einem Dialog einen Unterschied macht, von Ereignissen, Maßnahmen und auch Diskriminierungen, um die es geht, betroffen zu sein oder nicht. Aber das kann wenn überhaupt der Anfang eines Gesprächs sein und nicht das vorweggenommene Ergebnis, insofern sonst z.B. nicht mehr über Diskriminierungen gesprochen wird, sondern ausschließlich über persönliche Gefühle und Perspektiven auf dieses Thema. Was ein unverzichtbarer Teil dieser Diskussion sein muss, wird so ihr einziger Inhalt. Bei der Beschränkung des Gesprächs auf die Betroffenheit von Personen entsteht notwendig die Frage, wovon diese betroffen sind. Diskriminierungen etwa, wieder eine Selbstverständlichkeit, sind mehr als ein persönliches Problem und in diesem Sinne auch nicht auf die Betroffenheit von Personen reduzierbar – so unverzichtbar die Artikulation dieser Betroffenheit im Diskurs auch ist. Solche Ambivalenzen – das Verhältnis zwischen dem allgemeinen Problem (z.B. die Geschichte rassistischer Praktiken, struktureller Rassismus, rassistischer Diskurs in den Medien etc.) und den Perspektiven der davon in ihrem Alltag betroffenen Personen – können nicht einseitig aufgelöst werden, weil die in Spannung zueinander stehenden Seiten nicht absolut getrennt und einander äußerlich sind. Wenn man die eine für die andere ausgibt, hat man das Problem schlicht nicht verstanden. Es sind allerdings insbesondere die soziologischen Regelmäßigkeiten, in denen sich User*innenverhalten linker online-Diskussionskultur beschreiben lassen, die verhindern, eine so gelagerte Unterscheidung anzubringen. Es lässt sich schlichtweg kein social-media-Kapital (Likes & Shares) akkumulieren, wenn man nicht den Diskursgesetzen einer an kurzen Posts, griffigen Slogans und einfachen Merksätzen sich orientierenden Onlineöffentlichkeit gehorcht. Und so ist es dieser Öffentlichkeit ebenso recht und billig, wenn Statements linker Akteur*innen sich auf Einzeiler reduzieren wie “Diskriminierung geht uns alle an” oder “Es geht um die Perspektive der Betroffenen”, und selbige dann einander als vermeintlich konträre Positionen vorgehalten werden, solange damit jede weitere Analyse, Kritik und anschließende Diskussion jenseits von solchen Posts und Kommentaren ausbleibt.

Auf das Niveau einer Illustrierten herabgesunken, in der Beziehungsklatsch ohne weitere Prüfung im Format einer 5 Minuten Klolektüre vermarktet wird, sind innerlinke Streitereien da, wo sie sich des Kontaktschuldarguments bedienen. Auch hier geht es nicht um Inhalte und sachliche Argumente im Wortsinn sondern um Personen. Nur soll nicht mehr diskutiert, sondern diffamiert werden. Nicht z.B. der Inhalt einer Veranstaltung noch der Verein, der sie ausrichtet, sondern Personen, mit denen dieser Verein im Kontakt ist (oder Personen, die mit diesen Personen in Kontakt sind usf.), sollen als Argument herhalten, um die Veranstaltung anzugreifen. Fernab jeder inhaltlichen Diskussion ist das Kontaktschuldargument ein beliebtes Mittel, um politische Gegner zu diskreditieren. Als argumentum ad hominem zielt es nicht ab auf eine Erhellung und Klärung eines Sachverhalts. Zwecks Vermeidung einer inhaltlichen Auseinandersetzung soll vielmehr der betreffende Verein und/oder die Veranstaltung in der öffentlichen Meinung in Verruf gebracht werden. Die Verbindungen, die dabei augenscheinlich oftmals via Googlerecherche nachgezeichnet werden, können noch so absurd sein, solange sie irgendwann die erwünschten diskreditierenden Details zu Tage fördern. So kann z.B. die Teilnahme einer Person, die in einer Institution arbeitet, aus deren Umfeld streitbare Positionen zum Nahostkonflikt vertreten werden, dazu ausreichen, nicht nur dieser Person sondern auch dem Verein und seiner Veranstaltung, an der die Person teilnimmt, sowohl (je nach Ausrichtung) antizionistische oder imperialistische Umtriebe vorzuwerfen als auch die Befürwortung und Verbreitung antizionistischen / imperialistischen Denkens – unabhängig davon, welche Position die Person und der Verein, der die Veranstaltung ausrichtet, zu diesem Thema einnehmen.
Da sie in der Regel auf Fördermittel von Stiftungen und staatlichen Institutionen und auch Spenden von Unternehmen angewiesen sind, liegt es außerdem auf der Hand, linke Projekte nicht für ihre Inhalte, sondern für ihre Geldgeber anzugreifen und ihnen in diesem Zuge eine unkritische Haltung zum Kapitalismus vorzuwerfen. Selbiges gilt für die Wahl der Kooperationspartner*innen, auf die solche Projekte in der Regel angewiesen sind, um langfristig bestehen zu können. Verbindungen und Positionen der jeweiligen Akteur*innen können praktischerweise schnell im Seitenverlauf abgefragt werden, um das unerwünschte Gespräch zu vermeiden.

Bei all dem arbeitet im Hintergrund das Phantasma, in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft, die durchzogen ist von mannigfaltigen Konfliktlinien und geprägt von unauflösbaren Widersprüchen, könne man sich einfach für die richtige Seite entscheiden. Die Scheidelinie läuft entlang der Frage der Positionierung zu einem politischen Thema – oder der der Bündnispartner*innen oder der des Geldes. Wichtig dabei ist: Die Antwort auf die jeweilige Frage muss klar und einfach sein, denn die Welt ist ja bekanntlich schon kompliziert genug.

Die hier vorgelegte Polemik zielt nicht darauf ab hier nahezulegen, dass die Beantwortung solcher Fragen der Beliebigkeit obliegt. Mit ihr ist nur gesagt, dass Antworten auf dem Feld des Politischen alles andere als einfache, in Stein gemeißelte Gebote sind. Dies gilt in Zeiten fortschreitender Digitalisierung und damit einhergehender gesellschaftlicher Transformation und Erosion bürgerlicher Ideologie vielleicht umso mehr. Und so ist auch dieses Fazit am Ende eines Blogeintrags nicht als ein solches zu verstehen.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.